Longevity-Grundlagen

Warum altern wir? Die Mechanismen hinter dem Alterungsprozess

Das Wichtigste in Kürze

  • Denk Altern nicht als einen Vorgang, sondern als Bündel. Die Forschung listet inzwischen zwölf Kennzeichen, die ineinandergreifen.
  • Erwarte keinen einzelnen Hebel. Weil die Prozesse zusammenhängen, verändert das Beeinflussen eines Kennzeichens selten nur dieses eine.
  • Unterscheide Kennzeichen von Messgröße. Die epigenetische Veränderung ist eines der zwölf und zugleich das, was sich am günstigsten messen lässt.
  • Nimm Unterschiede im Alterungstempo ernst, aber nicht als Schicksal. Die Erblichkeit der Lebensspanne liegt nach neueren Arbeiten unter zehn Prozent.
  • Ein biologisches Alter misst nicht das Altern selbst, sondern eine gut erfassbare Begleiterscheinung.
Die Biologie des Alterns  - LIFETIME Longevity & Health
Inhaltsverzeichnis
  1. Die kurze Antwort
  2. Die Kennzeichen des Alterns
  3. Warum ausgerechnet die Epigenetik gemessen wird
  4. Warum Menschen unterschiedlich schnell altern
  5. Ist Altern eine Krankheit?
  6. Lässt sich der Prozess aufhalten?
  7. Was du daraus mitnimmst

Kurz gesagt: Altern ist kein einzelner Vorgang, sondern ein Bündel von Prozessen, die gleichzeitig ablaufen und sich gegenseitig beeinflussen. Die Alternsforschung fasst sie seit 2013 in einer Liste von Kennzeichen zusammen, die 2023 auf zwölf erweitert wurde. Eines dieser Kennzeichen sind epigenetische Veränderungen, und genau das ist der Grund, warum sich daraus ein biologisches Alter schätzen lässt. Ein einzelner Hebel, an dem sich alles gleichzeitig drehen ließe, ist in dieser Liste nicht enthalten.

Hinweis zur Einordnung: Dieser Beitrag fasst den Forschungsstand zu Alterungsmechanismen zusammen. Er ist keine medizinische Beratung und keine Diagnose.

Die kurze Antwort

Wir altern, weil sich Schäden und Fehlregulationen ansammeln, schneller als der Körper sie ausgleicht. Das klingt banal und ist der Kern dessen, worauf sich die Forschung geeinigt hat.

Betroffen sind mehrere Ebenen gleichzeitig: das Erbgut selbst, seine Verpackung und Markierung, die Eiweißproduktion, der Stoffwechsel der Zelle, die Kommunikation zwischen Zellen. Kein einzelner dieser Vorgänge erklärt das Altern allein, und keiner läuft unabhängig von den anderen.

Genau deshalb ist die Frage nach dem einen Mechanismus falsch gestellt. Die brauchbare Frage lautet, welche Prozesse beteiligt sind und welche davon sich überhaupt messen lassen.

Die Kennzeichen des Alterns

2013 legte eine Arbeitsgruppe um Carlos López-Otín eine Liste von neun Kennzeichen vor, die seither den Rahmen für das Feld bildet (López-Otín et al., Cell, 2013). 2023 wurde sie auf zwölf erweitert (López-Otín et al., Cell, 2023).

Dazu gehören unter anderem Schäden am Erbgut, die Verkürzung der Chromosomenenden, epigenetische Veränderungen, eine nachlassende Qualitätskontrolle bei Eiweißen, gestörte Nährstoffwahrnehmung, Funktionsverluste der Kraftwerke der Zelle, das Ansammeln alter Zellen, die sich nicht mehr teilen, sowie eine dauerhaft erhöhte Entzündungsneigung.

Für die Praxis sind zwei Eigenschaften der Liste wichtiger als ihre Länge. Die Kennzeichen greifen ineinander, weshalb sich selten eines allein beeinflussen lässt. Und sie sind unterschiedlich gut messbar: Manche brauchen Gewebeproben, andere lassen sich aus Blut oder Speichel ablesen.

Die Kennzeichen des Alterns: 2013 als Liste von neun vorgelegt, 2023 auf zwölf erweitert, epigenetische Veränderungen sind eines davon.

Warum ausgerechnet die Epigenetik gemessen wird

Weil sie von allen zwölf Kennzeichen am günstigsten und am zuverlässigsten zugänglich ist. Das ist ein praktischer Grund, kein inhaltlicher Vorrang.

Epigenetische Markierungen verschieben sich mit den Jahren regelmäßig genug, dass sich daraus eine Alterszahl schätzen lässt. Die erste solche Uhr entstand 2013 an rund 8.000 Proben aus 51 Geweben und nutzt 353 Messstellen (Horvath, Genome Biology, 2013). Eine Übersichtsarbeit legte 2017 sechs Verfahren zur Schätzung biologischen Alters nebeneinander und hielt die epigenetischen Uhren für den vielversprechendsten Ansatz (Jylhävä et al., EBioMedicine, 2017).

Wichtig bleibt die Leseweise. Ein epigenetischer Alterswert misst nicht das Altern, sondern eine gut erfassbare Begleiterscheinung davon. Er deckt eines der zwölf Kennzeichen ab und nicht die übrigen elf.

Warum Menschen unterschiedlich schnell altern

Weniger wegen der Gene, als lange angenommen wurde. Das ist einer der interessantesten Befunde der letzten Jahre.

Gängige Schätzungen zur Erblichkeit der menschlichen Lebensspanne lagen bei 15 bis 30 Prozent. Eine Auswertung von Stammbaumdaten aus hunderten Millionen historischer Personen zeigte 2018, dass sich der größte Teil dieser Ähnlichkeit auch zwischen angeheirateten, also nicht genetisch verwandten Personen findet. Nach Korrektur um diesen Effekt lag die Erblichkeit deutlich unter zehn Prozent (Ruby et al., Genetics, 2018).

Der große Rest verteilt sich auf Umstände, Verhalten und Zufall. Wie viel davon im Einzelnen worauf entfällt, ist offen. Was sich davon beeinflussen lässt, behandelt der Beitrag Kann dein Lebensstil dein biologisches Alter verändern.

Ist Altern eine Krankheit?

Nach der geltenden Einordnung nicht. Die Frage wird in der Fachwelt diskutiert, und die Antwort hat praktische Folgen.

Für eine Einstufung als Krankheit spricht, dass Alterungsprozesse messbar sind und mit vielen Erkrankungen zusammenhängen. Dagegen spricht, dass Altern alle Menschen betrifft und kein abgrenzbares Krankheitsbild bildet. Solange die Einordnung nicht wechselt, sind Angebote rund um biologisches Alter keine medizinischen Leistungen, und entsprechende Tests sind keine Diagnostik.

Für dich als Käuferin oder Käufer ist das der praktisch wichtigste Punkt: Ein Alterstest klärt keine Krankheit ab, und bei Beschwerden führt der Weg zu einer ärztlichen Einrichtung.

Lässt sich der Prozess aufhalten?

Nach heutigem Stand nicht. Verlangsamen ist die Frage, die überhaupt offen ist, und auch dort ist die Belegslage beim Menschen dünn.

Belegt ist, dass sich einzelne Messwerte verschieben lassen. Nicht belegt ist, dass damit ein biologischer Prozess zurückgesetzt wird. Diese beiden Aussagen werden regelmäßig vermischt, und der Unterschied entscheidet darüber, was ein Ergebnis bedeutet.

Was sich aus der vorhandenen Evidenz ableiten lässt, ist unspektakulär: Die gut belegten Faktoren sind Schlaf, Bewegung, Rauchverzicht, moderater Alkoholkonsum und ein stabiles Körpergewicht. Sie wirken auf mehrere der zwölf Kennzeichen gleichzeitig, und dafür braucht es keinen Test.

Belegt ist, dass sich einzelne Messwerte verschieben lassen und ein Methylierungsmuster dem einer jüngeren Vergleichsgruppe ähnlicher wird. Nicht belegt ist, dass damit ein biologischer Prozess zurückgesetzt wird.

Was du daraus mitnimmst

Drei Punkte, die den Rest einordnen.

  • Altern ist ein Bündel, kein Vorgang. Wer einen einzelnen Hebel verspricht, beschreibt nicht den Forschungsstand.
  • Gemessen wird ein Ausschnitt. Die epigenetische Ebene ist eines von zwölf Kennzeichen und zugleich das am leichtesten zugängliche.
  • Der Verlauf ist interessanter als der Einzelwert. Was ein Ergebnis leisten kann, steht im Beitrag Dein Alterstest-Ergebnis.

Welche Verfahren es zur Messung gibt, sammelt die Übersicht Biologisches Alter testen. Der LIFETIME AGE & DNA-Test misst die epigenetische Ebene in sechs Bereichen und liest zusätzlich die genetische.

Quellen und Studien
Primärquellen, zuletzt geprüft am 11. August 2026.

  • López-Otín C, Blasco MA, Partridge L, Serrano M, Kroemer G. The hallmarks of aging. Cell. 2013;153(6):1194-1217. doi:10.1016/j.cell.2013.05.039
  • López-Otín C, Blasco MA, Partridge L, Serrano M, Kroemer G. Hallmarks of aging: an expanding universe. Cell. 2023;186(2):243-278. doi:10.1016/j.cell.2022.11.001
  • Horvath S. DNA methylation age of human tissues and cell types. Genome Biology. 2013;14(10):R115. doi:10.1186/gb-2013-14-10-r115
  • Jylhävä J, Pedersen NL, Hägg S. Biological age predictors. EBioMedicine. 2017;21:29-36. doi:10.1016/j.ebiom.2017.03.046
  • Ruby JG, Wright KM, Rand KA, et al. Estimates of the heritability of human longevity are substantially inflated due to assortative mating. Genetics. 2018;210(3):1109-1124. doi:10.1534/genetics.118.301613

Häufige Fragen zum Alterungsprozess

Weil sich Schäden und Fehlregulationen ansammeln, schneller als der Körper sie ausgleicht. Betroffen sind mehrere Ebenen gleichzeitig: das Erbgut, seine Verpackung und Markierung, die Eiweißproduktion, der Zellstoffwechsel und die Kommunikation zwischen Zellen. Kein einzelner dieser Vorgänge erklärt das Altern allein, und keiner läuft unabhängig von den anderen.

Eine Arbeitsgruppe um Carlos López-Otín legte 2013 neun Kennzeichen vor und erweiterte sie 2023 auf zwölf. Dazu gehören Schäden am Erbgut, die Verkürzung der Chromosomenenden, epigenetische Veränderungen, nachlassende Qualitätskontrolle bei Eiweißen, gestörte Nährstoffwahrnehmung, Funktionsverluste der Mitochondrien, das Ansammeln alter Zellen und eine erhöhte Entzündungsneigung.

Nach der geltenden Einordnung nicht, auch wenn die Frage in der Fachwelt diskutiert wird. Dafür spricht, dass Alterungsprozesse messbar sind und mit vielen Erkrankungen zusammenhängen. Dagegen spricht, dass Altern alle Menschen betrifft und kein abgrenzbares Krankheitsbild bildet. Praktisch heißt das: Ein Alterstest ist keine Diagnostik und klärt keine Krankheit ab.

Nach heutigem Stand nicht. Offen ist allenfalls die Frage nach einer Verlangsamung, und auch dort ist die Belegslage beim Menschen dünn. Belegt ist, dass sich einzelne Messwerte verschieben lassen. Nicht belegt ist, dass damit ein biologischer Prozess zurückgesetzt wird. Diese beiden Aussagen werden regelmäßig vermischt.

Weniger wegen der Gene, als lange angenommen wurde. Gängige Schätzungen zur Erblichkeit der Lebensspanne lagen bei 15 bis 30 Prozent. Eine Auswertung von Stammbaumdaten aus hunderten Millionen Personen zeigte 2018, dass der größte Teil dieser Ähnlichkeit auf die Partnerwahl zurückgeht. Nach Korrektur blieb deutlich unter zehn Prozent. Der Rest verteilt sich auf Umstände, Verhalten und Zufall.

Die Zellalterung ist einer der zwölf beteiligten Prozesse, das biologische Alter dagegen ein daraus abgeleiteter Schätzwert. Gemessen wird dafür meist die epigenetische Ebene, weil sie von allen Kennzeichen am günstigsten zugänglich ist. Ein solcher Wert deckt damit einen Ausschnitt ab und nicht die übrigen elf Kennzeichen.