Longevity-Grundlagen

Resveratrol: was die Forschung zeigt

Das Wichtigste in Kürze

  • Resveratrol ist ein Polyphenol aus Trauben, Beeren und japanischem Staudenknöterich. Über Lebensmittel sind nur Bruchteile der in Studien verwendeten Mengen erreichbar.
  • Der Sirtuin-Mechanismus, mit dem geworben wird, gilt seit 2010 als Artefakt der ursprünglichen Testmethode.
  • In kontrollierten Studien am Menschen blieben die erhofften Stoffwechseleffekte aus. Eine Studie fand sogar geringere Trainingseffekte als unter Placebo.
  • Trans-Resveratrol ist in der EU für Nahrungsergänzungsmittel für Erwachsene zugelassen. Wer Arzneimittel einnimmt, sollte die Einnahme ärztlich abklären.
Titelbild des Beitrags: Was Resveratrol ist, was Studien zeigen. Stufen von Zellmodell über Tiermodell und Humanstudien bis Nutzen belegt.
Inhaltsverzeichnis
  1. Was ist Resveratrol?
  2. In welchen Lebensmitteln steckt Resveratrol?
  3. Woher stammt der Ruf des Moleküls?
  4. Was wurde beim Menschen untersucht?
  5. Was sagen Beobachtungsdaten aus der Ernährung?
  6. Warum ist die Bioverfügbarkeit ein Problem?
  7. Wie ist Resveratrol in der EU geregelt?
  8. Das Wichtigste in Kürze

Kurz gesagt: Resveratrol ist ein Polyphenol aus Weintrauben, Beeren und japanischem Staudenknöterich. Bekannt wurde es 2003 als angeblicher Sirtuin-Aktivator und 2006 durch eine Mausstudie. Beim Menschen haben kontrollierte Studien die erhofften Stoffwechseleffekte nicht bestätigt, und nur ein Bruchteil des Aufgenommenen erreicht das Blut unverändert.

Hinweis zum Status: Trans-Resveratrol ist in der EU als neuartiges Lebensmittel für Nahrungsergänzungsmittel für Erwachsene zugelassen. Gesundheitsbezogene Angaben sind für Resveratrol keine zugelassen. Dieser Beitrag berichtet über veröffentlichte Studien und ist keine Verzehr- und keine Gesundheitsempfehlung.

Strukturschema von trans-Resveratrol: zwei Phenolringe verbunden über eine Doppelbindung, Summenformel C14H12O3, Molmasse 228,25 Gramm pro Mol.

Was ist Resveratrol?

Resveratrol ist ein Polyphenol aus der Gruppe der Stilbene, chemisch 3,5,4'-Trihydroxystilben, mit der Summenformel C14H12O3 und einer Molmasse von 228,25 Gramm pro Mol. Pflanzen bilden es als Reaktion auf Stress, etwa auf Pilzbefall oder Verletzung.

Es kommt in zwei Formen vor, cis und trans. Die trans-Form ist die, die in Studien und in Nahrungsergänzungsmitteln verwendet wird. Wenn im Folgenden von Resveratrol die Rede ist, ist trans-Resveratrol gemeint.

In welchen Lebensmitteln steckt Resveratrol?

In geringen Mengen, und das ist der erste wichtige Punkt. Eine Übersichtsarbeit der RWTH Aachen hat die veröffentlichten Gehalte zusammengetragen.

Quelle Gemessener Gehalt
Rotwein rund 1,9 mg pro Liter, Spannweite 0,361 bis 1,972
Weißwein 0 bis 1,089 mg pro Liter
Roséwein 0,29 mg pro Liter
Rote Trauben 92 bis 1.604 Mikrogramm pro Kilogramm Frischgewicht
Weiße Trauben 59 bis 1.759 Mikrogramm pro Kilogramm Frischgewicht
Erdnüsse ohne Häutchen 0,03 bis 0,14 Mikrogramm pro Gramm
Extrakt aus japanischem Staudenknöterich bis zu 1 Gramm aus 100 Gramm Extrakt

Quelle der Messwerte: Weiskirchen und Weiskirchen, Advances in Nutrition, 2016.

Dieselbe Arbeit rechnet den Alltagsfall vor. Wer wie im französischen Durchschnitt 31,7 Liter Rotwein im Jahr trinkt, nimmt daraus rund 70 Milligramm Resveratrol pro Jahr auf, also etwa 0,2 Milligramm am Tag. Das ist ungefähr das Fünftausendstel der Menge, die in der Diskussion um therapeutische Dosierungen mit einem Gramm pro Tag genannt wird. Über Lebensmittel sind solche Mengen nicht erreichbar. Deshalb stammt das Resveratrol in Kapseln praktisch immer aus japanischem Staudenknöterich oder aus chemischer Synthese, nicht aus Trauben.

Resveratrol in Lebensmitteln: Rotwein rund 1,9 Milligramm pro Liter, rote Trauben 0,09 bis 1,6 Milligramm pro Kilogramm, aus französischem Durchschnittskonsum rund 0,2 Milligramm pro Tag.

Woher stammt der Ruf des Moleküls?

Aus zwei Veröffentlichungen und einer Korrektur, die deutlich weniger bekannt ist als die beiden ersten.

2003 berichtete ein Team um Konrad Howitz und David Sinclair in Nature, dass Resveratrol das Enzym SIRT1 aktiviert und die Lebensspanne von Bäckerhefe um 70 Prozent verlängert (Howitz et al., Nature, 2003). Damit war die Verbindung zwischen einem Weininhaltsstoff, den Sirtuinen und der Kalorienrestriktion in der Welt.

2006 folgte die Arbeit, die den Begriff Longevity-Molekül endgültig festschrieb: Mäuse mittleren Alters auf einer kalorienreichen Diät lebten unter Resveratrol länger und zeigten eine bessere Insulinempfindlichkeit sowie mehr Mitochondrien (Baur et al., Nature, 2006).

2010 kam die Korrektur. Ein Team von Pfizer prüfte die Aktivierung von SIRT1 mit natürlichen Substraten statt mit dem im Test üblichen fluoreszenzmarkierten Peptid. Ergebnis: Resveratrol aktiviert SIRT1 nur dann messbar, wenn der Farbstoff am Substrat hängt. Mit unmarkierten Substraten bleibt der Effekt aus. Die Autoren schließen daraus, dass Resveratrol kein direkter SIRT1-Aktivator ist (Pacholec et al., Journal of Biological Chemistry, 2010). Der Mechanismus, mit dem Resveratrol bis heute beworben wird, steht damit seit über einem Jahrzehnt infrage.

Was wurde beim Menschen untersucht?

Mehr als bei den meisten anderen Longevity-Molekülen, und die Ergebnisse fallen überwiegend negativ aus. Die Tabelle listet die drei am häufigsten zitierten kontrollierten Studien.

Jahr Studie Teilnehmer Dosis pro Tag Dauer Ergebnis
2012 Yoshino et al., Cell Metabolism nicht adipöse Frauen nach den Wechseljahren 75 mg 12 Wochen keine Veränderung bei Körperzusammensetzung, Blutfetten, Entzündungswerten, Insulinempfindlichkeit
2013 Poulsen et al., Diabetes 24 adipöse Männer hochdosiert 4 Wochen kein Effekt auf Insulinempfindlichkeit, Blutdruck, Energieumsatz, Fettverteilung
2013 Gliemann et al., Journal of Physiology 27 Männer, im Mittel 65 Jahre 250 mg 8 Wochen Trainingseffekte fielen in der Resveratrol-Gruppe geringer aus als unter Placebo

Die dritte Zeile verdient eine genauere Betrachtung, weil sie in Produkttexten nie auftaucht. Alle 27 Männer absolvierten acht Wochen hochintensives Training, die eine Hälfte nahm dabei 250 Milligramm trans-Resveratrol, die andere ein Placebo. Die Placebogruppe steigerte ihre maximale Sauerstoffaufnahme um 45 Prozent mehr als die Resveratrol-Gruppe. Der mittlere arterielle Blutdruck sank nur unter Placebo, um 4,8 mmHg. Auch die trainingsbedingten Verbesserungen bei LDL, Cholesterinverhältnis und Triglyzeriden blieben unter Resveratrol aus. Das SIRT1-Protein veränderte sich in keiner Gruppe. Die Autoren formulieren es als Dämpfung der positiven Trainingseffekte.

Es ist eine einzelne Studie mit 27 Teilnehmern, kein abschließender Beweis. Aber sie zeigt, dass die Annahme, ein Pflanzenstoff könne im Zweifel nicht schaden, nicht selbstverständlich ist.

Vier Untersuchungen am Menschen zu Resveratrol und ihr Ergebnis: 2012 kein Stoffwechseleffekt, 2013 kein Effekt bei adipösen Männern, 2013 gedämpfte Trainingseffekte, 2014 kein Zusammenhang mit der Sterblichkeit.

Was sagen Beobachtungsdaten aus der Ernährung?

Sie stützen die Longevity-Erzählung nicht. Die aussagekräftigste Auswertung stammt aus der italienischen InCHIANTI-Studie: 783 Personen ab 65 Jahren aus zwei Dörfern im Chianti, begleitet von 1998 bis 2009. Gemessen wurden die Resveratrol-Abbauprodukte im 24-Stunden-Urin, also die tatsächlich aufgenommene Menge aus der Ernährung, nicht der berichtete Weinkonsum.

Im Verlauf starben 268 der Teilnehmer, das sind 34,3 Prozent. Zwischen den vier Gruppen von der niedrigsten bis zur höchsten Resveratrol-Ausscheidung unterschied sich die Sterblichkeit nicht (34,4, 31,6, 33,5 und 37,4 Prozent). Auch mit Entzündungswerten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs bestand kein Zusammenhang (Semba et al., JAMA Internal Medicine, 2014).

Warum ist die Bioverfügbarkeit ein Problem?

Weil der Körper Resveratrol zwar aufnimmt, es aber sofort umbaut. Eine Studie mit radioaktiv markiertem Resveratrol an sechs Freiwilligen hat das früh gezeigt: Von 25 Milligramm oral wurden mindestens 70 Prozent aufgenommen, und im Blut ließen sich in der Spitze 491 Nanogramm pro Milliliter messen. Auf unverändertes Resveratrol entfielen davon aber weniger als 5 Nanogramm pro Milliliter (Walle et al., Drug Metabolism and Disposition, 2004).

Der Grund ist eine sehr schnelle Umwandlung in Darm und Leber, vor allem zu Sulfat- und Glucuronid-Verbindungen. Was im Blut ankommt, sind also überwiegend Abbauprodukte. Ob und welche davon im Körper etwas bewirken, ist offen. Diese Lücke zwischen dem, was im Reagenzglas wirkt, und dem, was im Menschen ankommt, erklärt einen Teil der enttäuschenden Studienergebnisse.

Wie ist Resveratrol in der EU geregelt?

Trans-Resveratrol ist als neuartiges Lebensmittel zugelassen, für Nahrungsergänzungsmittel in Kapsel- oder Tablettenform und ausdrücklich nur für Erwachsene. Anders als bei manchen anderen Longevity-Stoffen ist der Verkauf damit geregelt.

An die Zulassung ist eine Kennzeichnungspflicht geknüpft, die Verbraucher kennen sollten: Auf Nahrungsergänzungsmitteln mit trans-Resveratrol muss ein Hinweis stehen, dass Personen, die Arzneimittel einnehmen, das Produkt nur unter ärztlicher Aufsicht verzehren sollen. Hintergrund ist die Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, nach der ein Abbauprodukt von trans-Resveratrol bestimmte Enzyme des Arzneimittelstoffwechsels hemmen kann, insbesondere CYP2C9. Wer regelmäßig Medikamente nimmt, sollte das ärztlich abklären.

Gesundheitsbezogene Angaben sind davon getrennt zu betrachten. Für Resveratrol ist in der EU keine zugelassen. Werbung mit Zellschutz, Antioxidation, Herz-Kreislauf-Wirkung oder Alterung ist damit unzulässig, unabhängig davon, wie die Studienlage aussieht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ordne den Sirtuin-Mechanismus ein: Die Aktivierung von SIRT1 gilt seit 2010 als Artefakt der ursprünglichen Testmethode. Wer damit heute wirbt, zitiert einen überholten Stand.
  • Prüfe, ob ein Produkt den Pflichthinweis für Personen trägt, die Arzneimittel einnehmen. Er gehört zur Zulassung und fehlt in der Praxis häufig.
  • Erwarte von Trauben oder Rotwein keine relevanten Mengen. Der französische Durchschnittskonsum entspricht etwa 0,2 Milligramm pro Tag.
  • Achte auf die Herkunft des Rohstoffs, in der Regel japanischer Staudenknöterich oder Synthese, und auf die deklarierte trans-Form mit Reinheitsangabe.
  • Rechne nicht damit, dass sich Studienergebnisse aus Hefe und Mäusen beim Menschen wiederfinden. In den kontrollierten Studien am Menschen ist das bisher nicht gelungen.

Quellen und Studien
Primärquellen, zuletzt geprüft am 10. August 2026.

  • Howitz KT, Bitterman KJ, Cohen HY, et al. Small molecule activators of sirtuins extend Saccharomyces cerevisiae lifespan. Nature. 2003;425(6954):191-196. doi:10.1038/nature01960
  • Walle T, Hsieh F, DeLegge MH, et al. High absorption but very low bioavailability of oral resveratrol in humans. Drug Metabolism and Disposition. 2004;32(12):1377-1382. doi:10.1124/dmd.104.000885
  • Baur JA, Pearson KJ, Price NL, et al. Resveratrol improves health and survival of mice on a high-calorie diet. Nature. 2006;444(7117):337-342. doi:10.1038/nature05354
  • Pacholec M, Bleasdale JE, Chrunyk B, et al. SRT1720, SRT2183, SRT1460, and resveratrol are not direct activators of SIRT1. Journal of Biological Chemistry. 2010;285(11):8340-8351. doi:10.1074/jbc.M109.088682
  • Yoshino J, Conte C, Fontana L, et al. Resveratrol supplementation does not improve metabolic function in nonobese women with normal glucose tolerance. Cell Metabolism. 2012;16(5):658-664. doi:10.1016/j.cmet.2012.09.015
  • Poulsen MM, Vestergaard PF, Clasen BF, et al. High-dose resveratrol supplementation in obese men: a randomized, placebo-controlled clinical trial of substrate metabolism, insulin sensitivity, and body composition. Diabetes. 2013;62(4):1186-1195. doi:10.2337/db12-0975
  • Gliemann L, Schmidt JF, Olesen J, et al. Resveratrol blunts the positive effects of exercise training on cardiovascular health in aged men. The Journal of Physiology. 2013;591(20):5047-5059. doi:10.1113/jphysiol.2013.258061
  • Semba RD, Ferrucci L, Bartali B, et al. Resveratrol levels and all-cause mortality in older community-dwelling adults. JAMA Internal Medicine. 2014;174(7):1077-1084. doi:10.1001/jamainternmed.2014.1582
  • Weiskirchen S, Weiskirchen R. Resveratrol: how much wine do you have to drink to stay healthy? Advances in Nutrition. 2016;7(4):706-718. doi:10.3945/an.115.011627
  • Durchführungsbeschluss (EU) 2016/1190 der Kommission vom 19. Juli 2016 über die Genehmigung des Inverkehrbringens von trans-Resveratrol als neuartige Lebensmittelzutat.

Dieser Artikel hat informativen Charakter und gibt den Wissensstand zum Aktualisierungsdatum wieder. Er stellt keine gesundheitsbezogene Aussage im Sinne der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 und keine Verzehrempfehlung dar.

Häufige Fragen zu Resveratrol

Ein Polyphenol aus der Gruppe der Stilbene, chemisch 3,5,4'-Trihydroxystilben, mit der Summenformel C14H12O3 und einer Molmasse von 228,25 Gramm pro Mol. Pflanzen bilden es als Reaktion auf Stress, etwa auf Pilzbefall. Es kommt in einer cis- und einer trans-Form vor; verwendet wird die trans-Form.

In Weintrauben, Beeren, Erdnüssen und daraus hergestellten Produkten, überall in kleinen Mengen. Rotwein enthält rund 1,9 Milligramm pro Liter, rote Trauben 92 bis 1.604 Mikrogramm pro Kilogramm Frischgewicht. Die höchsten Gehalte liefert japanischer Staudenknöterich, aus dem auch der Rohstoff für Kapseln stammt.

Der Befund von 2003 gilt als überholt. 2010 zeigte ein Team von Pfizer, dass Resveratrol das Enzym SIRT1 nur dann messbar aktiviert, wenn das Testsubstrat einen Fluoreszenzfarbstoff trägt. Mit natürlichen Substraten bleibt der Effekt aus. Die Autoren schließen daraus, dass Resveratrol kein direkter SIRT1-Aktivator ist.

Überwiegend keine Effekte. Bei nicht adipösen Frauen blieben Stoffwechsel, Blutfette und Insulinempfindlichkeit über zwölf Wochen unverändert, bei adipösen Männern änderte sich auch unter hoher Dosierung nichts. In einer Studie mit 27 Männern um 65 Jahre fielen die Effekte eines achtwöchigen Trainings unter 250 Milligramm Resveratrol geringer aus als unter Placebo. Details und Quellen stehen im Beitrag.

Weil der Körper es zwar aufnimmt, aber sofort umbaut. Von 25 Milligramm oral wurden in einer Untersuchung mindestens 70 Prozent aufgenommen, im Blut ließen sich aber weniger als 5 Nanogramm pro Milliliter unverändertes Resveratrol messen. Der Rest liegt als Sulfat- und Glucuronid-Verbindung vor.

Nahrungsergänzungsmittel mit trans-Resveratrol müssen den Hinweis tragen, dass Personen, die Arzneimittel einnehmen, sie nur unter ärztlicher Aufsicht verzehren sollen. Hintergrund ist die Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, nach der ein Abbauprodukt von trans-Resveratrol Enzyme des Arzneimittelstoffwechsels hemmen kann, insbesondere CYP2C9.