Kurz gesagt: Weniger, als die meisten annehmen. Lange galt die Lebensspanne als zu 15 bis 30 Prozent vererbt. Eine Auswertung von Stammbaumdaten aus hunderten Millionen historischer Personen kam 2018 zu einem deutlich niedrigeren Wert, weil die alten Schätzungen einen Effekt übersehen hatten: Menschen suchen sich Partner, die ihnen ähneln. Deine Gene legen Veranlagungen fest, nicht deinen Verlauf. Was sich über die Zeit tatsächlich verändert, sitzt eine Ebene darüber, in den chemischen Markierungen an der DNA.
Hinweis zur Einordnung: Dieser Beitrag ordnet Forschungsergebnisse zur Vererbung von Lebensspanne und Alterung ein. Er ist keine medizinische Beratung und keine Diagnose.
Die kurze Antwort
Deine Gene sind der Rahmen, nicht der Fahrplan. Das ist keine Beruhigungsformel, sondern das Ergebnis einer Korrektur, die 2018 durch die Alternsforschung ging.
Bis dahin lagen die gängigen Schätzungen zur Erblichkeit der menschlichen Lebensspanne bei etwa 15 bis 30 Prozent. Diese Zahlen stammten aus Vergleichen zwischen Verwandten: Wenn sich Eltern und Kinder in ihrer Lebensdauer ähneln, liegt der Schluss auf Vererbung nahe.
Der Schluss war zu schnell. Was daran nicht stimmte und was stattdessen gilt, steht im nächsten Abschnitt.
Warum die alte Zahl zu hoch war
Weil die Ähnlichkeit zwischen Verwandten auch bei angeheirateten Verwandten auftrat. Genau dort fiel der Fehler auf, und er ist im Rückblick naheliegend.
Eine Arbeitsgruppe um J. Graham Ruby wertete öffentlich zugängliche Stammbaumdaten aus, die hunderte Millionen historischer Personen umfassen. Die aus genetischer Verwandtschaft berechnete Erblichkeit stimmte zunächst mit der bisherigen Literatur überein. Der überwiegende Teil dieser Korrelation zeigte sich jedoch ebenso zwischen nicht verwandten, angeheirateten Personen (Ruby et al., Genetics, 2018).
Angeheiratete Verwandte teilen keine Gene. Wenn sich ihre Lebensspannen trotzdem ähneln, kann Vererbung nicht die Erklärung sein. Die Erklärung ist, dass Menschen sich Partner suchen, die ihnen in Herkunft, Bildung, Lebensumständen und Gewohnheiten ähneln. Diese Ähnlichkeit wird über Generationen weitergegeben und sieht in den Daten aus wie Vererbung.
Nachdem die Autoren diesen Effekt herausgerechnet hatten, lag die tatsächliche Erblichkeit der Lebensspanne für Geburtsjahrgänge des 19. und frühen 20. Jahrhunderts deutlich unter zehn Prozent.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Arbeit betrifft die Lebensspanne, also die Zeit zwischen Geburt und Tod, und nicht ein gemessenes biologisches Alter. Und sie betrachtet historische Jahrgänge, deren Lebensumstände sich von heutigen unterscheiden. Als Größenordnung bleibt der Befund trotzdem bemerkenswert.
Was dann den Rest erklärt
Umstände und Verhalten, und beides über lange Zeiträume. Wenn weniger als ein Zehntel auf die Gene entfällt, liegt der große Rest bei allem anderen.
Welche Faktoren das in Bevölkerungsdaten sind, ist gut untersucht. Eine Auswertung an 4.173 Frauen aus der Women's Health Initiative und 402 Teilnehmenden einer italienischen Kohorte fand Zusammenhänge zwischen epigenetischer Alterungsbeschleunigung und Ernährung, moderatem Alkoholkonsum, Bildungsstand, Körpergewicht sowie Carotinoidwerten im Blut als Marker für Obst und Gemüse (Quach et al., Aging, 2017).
Wichtig ist die Leseweise. Das sind Zusammenhänge in großen Gruppen, keine Ursachen bei einer einzelnen Person. Bildungsstand etwa verursacht kaum direkt eine Methylierungsveränderung, sondern steht für ein Bündel an Lebensumständen. Wer aus solchen Studien eine persönliche Handlungsanweisung ableitet, überdehnt sie.
Was deine Gene tatsächlich festlegen
Veranlagungen, und die bleiben ein Leben lang gleich. Deine DNA-Sequenz verändert sich nicht, weder durch Ernährung noch durch Training noch durch Stress.
Eine genetische Auswertung liest deshalb etwas anderes als eine epigenetische. Sie beschreibt, wie dein Körper mit bestimmten Dingen tendenziell umgeht: wie du Koffein verstoffwechselst, wie du auf verschiedene Nährstoffe reagierst, wie ausgeprägt bestimmte Anlagen im Bereich Schlaf, Belastbarkeit oder Vitaminverwertung sind. Beim LIFETIME AGE & DNA-Test sind das 23 Kategorien mit über 150 Einzelergebnissen.
Eine Veranlagung ist dabei keine Vorhersage. Sie verschiebt Wahrscheinlichkeiten in einer Gruppe und sagt nichts darüber, was bei dir eintritt. Deshalb liest man diesen Teil eines Ergebnisses einmal gründlich und danach nie wieder: Er ändert sich nicht.
Wo die Epigenetik ansetzt
Eine Ebene über der Sequenz, bei den chemischen Markierungen, die bestimmen, welche Gene wie stark abgelesen werden. Dieser Teil verändert sich, und genau deshalb lässt er sich messen und beobachten.
Die erste epigenetische Uhr wurde 2013 an rund 8.000 Proben aus 51 Geweben entwickelt und nutzt 353 Messstellen (Horvath, Genome Biology, 2013). Seither sind Modelle dazugekommen, die statt eines Alters ein Alterungstempo ausgeben (Belsky et al., eLife, 2022).
Das Verhältnis der beiden Ebenen lässt sich knapp fassen: Die Genetik beschreibt den Ausgangspunkt, den du nicht gewählt hast. Die Epigenetik beschreibt einen Zustand, der sich verschiebt. Worin sich die beiden Analysen technisch unterscheiden, steht im Beitrag Genetischer und epigenetischer Test.
Was das praktisch für dich heißt
Drei Schlüsse, die sich aus dem Befund ziehen lassen, ohne ihn zu überdehnen.
- Eine gute Familiengeschichte ist kein Freibrief. Wenn weniger als ein Zehntel der Lebensspanne erblich ist, sagt die Langlebigkeit deiner Großeltern wenig über dich. Ein Teil dessen, was in Familien weitergegeben wird, sind ohnehin Gewohnheiten und Umstände, nicht Gene.
- Eine ungünstige Veranlagung ist ebenso wenig ein Urteil. Sie beschreibt eine Tendenz und keine Entwicklung. Der Nutzen liegt darin, zu wissen, worauf du bei dir genauer hinschaust.
- Was sich verfolgen lässt, ist die epigenetische Ebene. Sie ist der Teil, der sich bewegt, und deshalb der Teil, bei dem eine Wiederholungsmessung überhaupt Sinn ergibt.
Was du mit einem solchen Ergebnis anfängst, sobald es vorliegt, behandelt der Beitrag Dein Alterstest-Ergebnis. Ob sich eine Messung für dich überhaupt lohnt, steht in Lohnt sich ein Alterstest für dich. Welche Verfahren es gibt, sammelt die Übersicht Biologisches Alter testen.
Quellen und Studien
Primärquellen, zuletzt geprüft am 11. August 2026.
- Ruby JG, Wright KM, Rand KA, et al. Estimates of the heritability of human longevity are substantially inflated due to assortative mating. Genetics. 2018;210(3):1109-1124. doi:10.1534/genetics.118.301613
- Quach A, Levine ME, Tanaka T, et al. Epigenetic clock analysis of diet, exercise, education, and lifestyle factors. Aging. 2017;9(2):419-446. doi:10.18632/aging.101168
- Horvath S. DNA methylation age of human tissues and cell types. Genome Biology. 2013;14(10):R115. doi:10.1186/gb-2013-14-10-r115
- Belsky DW, Caspi A, Corcoran DL, et al. DunedinPACE, a DNA methylation biomarker of the pace of aging. eLife. 2022;11:e73420. doi:10.7554/eLife.73420



